Blick zurück: 2024

Ein Jahr wie keines zuvor. Eines mit allerhöchsten Höhen und auch einigen Tiefen. Eines unterwegs auf unerforschten neuen Wegen und altbekannten Pfaden, mit neuem Glück und altem Schmerz. Ein Einfaches? Nicht nur. Aber ein Gutes. Zeit für den alljährlichen Blick zurück.

Wenn ich meine vorherigen Jahresrückblicke lese, dann gab es über viele Jahre eine Konstante darin; der Start in die neuen 365 Tagen mit guten Freunden im Schnee. Nun, dieses Jahr begann zum ersten Mal seit einer langen Zeit anders. In der guten Stube meiner guten, meiner besten Freundin. Auf achtundzwanzig geteilte Lebensjahre können wir gemeinsam zurückblicken, und wir sind gemeinsam lachend in dieses neue Jahr gestartet. Mit Sekt, einer Tischbombe und the same procedure as every year. Danke, bist du Teil meines Lebens, seit ich denken kann. Und Danke, hast du aus einer Veränderung, die mich traurig machte, etwas Schönes werden lassen.

Ich musste Abschied nehmen von meinem Chüniz-Grosi. Mein Grosi, das bis zu ihrem Lebensende ein neugieriges Strahlen in den Augen hatte. Es war Zeit. Zeit, durftest du gehen. Und trotzdem war ich unglaublich traurig. Es ist diese Dichotomie von Trauer und Dankbarkeit, die der Tod mit sich bringt, die manchmal schwer auszuhalten ist. Auch wenn etwas gut ist, kann es wehtun.

Mit Spaziergängen unten an meinem geliebten Fluss oder hoch über dem Nebelmeer bin ich durch den Januar gekommen, habe irgendwie die diesjährigen Elterngespräche hinter mich gebracht und danach gefeiert, weil ich zumindest ein bisschen loslassen konnte. Ich durfte in diesem Jahr noch mehr als im vorigen (wenn mir das jemand gesagt hätte, ich hätte es nicht geglaubt) lernen, dass es Menschen gibt, die die Welt mit völlig anderen Augen sehen und es unglaublich viel, zu viel Energie kostet, diesen Blick ändern zu wollen. Wer sich selbst immer im Recht sieht, dem ist nicht zu helfen. Prost.

Ich bin in den Schwarzwald geflohen und habe gebadet, geschwitzt und geschlafen, so viel geschlafen. Habe vom Rosengarten aus in der schüchternen Februarsonne die Stadt fotografiert und im Garten meiner Eltern Fondue gegessen. Ich habe Steinmannli gebaut und mich in Geduld geübt. Habe stundenlang vor dem Laptop gesessen, bis ich endlich das Cover meines Buches vor mir hatte. Was für ein Gefühl!

Ich habe den Scrambler aus dem Winterschlaf geholt und bin dem Frühling entgegengefahren. Mit frierenden Fingern und doch so glücklich, endlich wieder im Sattel dieses Motorrads zu sitzen, das mir das Gefühl der Freiheit schenkt. Habe die weissen und rosaroten Blüten fotografiert und den Winter und die Kälte und die Wut hinter mir gelassen. Man kann nicht immer kämpfen. Manchmal muss man auch einfach loslassen.

Es wurde Mai. Und auf einmal war da wieder ein Anruf. Die brüchige Stimme meines Vaters am anderen Ende der Leitung. Das ist nicht wahr. Zwei Jahre sind vergangen seit dem grössten Schmerz meines Lebens. Und am 15. Mai sassen wir wieder in dieser viel zu kleinen Kirche, um Abschied zu nehmen. Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, die ich nicht verstehe. Nie verstehen werde. Ich versuchte, die Fragen, die Verzweiflung, den wieder aufwallenden Schmerz irgendwie auszuhalten, mir vom Herzen zu schreiben. Der Raps blüht. Und die Sonne scheint sanft. Wie zum Zeigen: Sieh her. Fühl hin. Da ist das Leben! Hand in Hand mit dem Tod. Wie alte Freunde, die alle Wege gemeinsam gehen.

Ich habe Tränen der Enttäuschung geweint, als der Boss sein Konzert in Milano verschieben musste. Statt My hometown, Born in the U.S.A. und No surrender gabs zu viele Shots im Leos und viel zu lautes Gelächter in den Gassen unserer Stadt. Ich habe die Gerstenfelder fotografiert mit dem roten Mohn und den lila Kornblumen. Ein Gedicht des Frühsommers. Und wieder einmal gemerkt, dass auch ich in dieser Jahreszeit aufblühe. Ich bin im Sommer zuhause!

Ich habe mit meinen Kids ein Theaterstück einstudiert, habe immer wieder dasselbe auf die Bühne gebrüllt (Lauter! Langsamer!), wir haben dabei so viel gelacht und gelernt und ich bin am Ende fast geplatzt vor Stolz und Dankbarkeit, dieses Erlebnis mit den Kindern teilen zu dürfen.

Im Juli musste ich Abschied nehmen – nur wer selbst einmal eine so intensive Zeit mit einer Schulklasse verbracht hat, kann sich vorstellen, wie schwer einer Lehrerin so ein «Macht’s gut» fallen kann. Ich bin in den letzten beiden Jahren für mich und für diese Kinder eingestanden und auch über mich hinausgewachsen. Es war keine einfache Zeit und es gab Momente, in denen ich schier verzweifelt bin ab der Ignoranz anderer. Vielleicht war es auch gerade deshalb ein Abschied, der mich einige Tränen gekostet hat. Ich bin stolz, eure Klassenlehrerin gewesen zu sein. Ihr seid wahrlich eine «Jahrhundertklasse».

Sommerferien! Südfrankreich, zurück in Sarahs Paradies bei Uzès. Tage voller Ruhe und Genuss, Sonne und dem einen oder anderen Aperol. Bandol mit seinem hübschen Karussell und den schmucken Läden und dem sanftrosa Himmel nach Sonnenuntergang. An einem stürmischen Tag entstand in Sanary der Prolog eines neuen Abenteuers und drei vollkommen neue Gestalten machten es sich da bequem, wo bis vor kurzem Noah und Edward residierten. Ich bin so gespannt, wo diese Reise hinführt!

Ich habe den Sommer in Bern gelebt und geliebt. Hochlaufen und runterschwimmen, immer und immer wieder mich treiben lassen im türkisgrünen Fluss. Limoncello auf meinem geliebten Balkon, der grosse Wagen am Himmel und grosse Fragen im Herzen. Eintauchen in den kalten Thunersee und mit dem Gewitter im Rückspiegel nachhause brausen. Ich habe auf den dreissigsten Geburtstag meiner Besten angestossen. Es war eine warme, klare Sommernacht und wir haben unter dem Sternenhimmel getanzt, gelacht, gefeiert. Für immer uf di!

Ich bin mit meinem Motorrad zu der Berghütte mit den roten Fensterläden gefahren, wo ich jedes Jahr wieder zum Kind werden darf. Beim Blick auf den stolzen Gantrisch und den grünen Hügel fühlt es sich an, als wäre ich für einen Moment zu Besuch in der Vergangenheit.

Ich durfte eine neue Kollegin und eine neue Klasse kennenlernen und war so zuversichtlich wie schon lange nicht mehr. Es tut unglaublich gut, wieder zu merken, wie es ist, nicht alles alleine stemmen zu müssen.

Dann kam der Tag aller Tage. Mein allererstes Buch «Alles, was das Leben ist» fand den Weg in die Buchhandlungen. Es gibt auf Berndeutsch den wunderbaren Ausdruck im Chlee si, also im Klee sein. Wie wenn man ein Bad nimmt in vierblättrigen Kleeblättern. Etwa so hat es sich angefühlt, als ich das Buch zum ersten Mal im Regal einer Buchhandlung gesehen habe. Ich war in meinem Leben noch nie stolzer.
Ich durfte im Bienzgut mein Buch vorstellen. Fast 80 Leute waren da mit mir, aus den unterschiedlichsten Ecken meines Lebens. Ich war wohl noch nie so nervös und gleichzeitig so überwältigt von purem Glück und Dankbarkeit. An diesem Abend lag ich bis frühmorgens wach in meinem Bett, geflutet von Endorphinen und etwas Weisswein.

Ich habe den Sommer verlängert und an der Costa Blanca Muscheln gesammelt, die Zehen im Sand vergraben und still auf das Ewigkeitsblau hinausgeschaut. Es gibt nichts, das mir so viel Kraft gibt, wie das Meer. Es hält alle meine Fragen aus, es spült Antworten an und es beruhigt mit seinem steten Rauschen auch die wildesten Gedanken.

Mit dem September kam auch der Herbst und die Marroni und die orangen Kerzen. Lange Spaziergänge im Wald, frische Morgenluft und fallende Blätter. Ich finde in dieser Jahreszeit so viel Poesie! Die Tage wurden kürzer, die Nächte länger, die Sonne schwächer. Ich durfte aus meinem Buch vorlesen, durfte Bücher signieren, wurde umarmt. Manchmal kann ich es noch immer kaum glauben. Das ist wohl so, wenn ein Traum wahr wird. Man fragt sich dann immer ein bisschen, ob man nicht doch noch am Träumen ist. Ich kann all den Menschen, die mich auf dieser Reise begleiten und unterstützen niemals genug danken. Es bedeutet mir alles!

Ich habe mein Zuhause dekoriert, habe Kerzen angezündet, Lichterketten leuchten lassen und Mailänderli gebacken. Die Weihnachtszeit war für mich so intensiv wie schon lange nicht mehr. Ich habe sie zelebriert! Bin mit lieben Menschen über den Sternenmarkt flaniert, habe Zimtwaffeln gegessen und zu viel Glühwein mit Amaretto getrunken und damit die Dezemberschwere verscheucht.

Ich habe mit meiner Familie Weihnachten gefeiert. Ein ausserordentlich schönes Weihnachtsbäumchen, Fondue Chinoise, ein Familienfoto auf dem Sofa. Und auch Bündner Gerstensuppe und Würste auf dem Feuer im Schnee. Jahr für Jahr sage ich: Ihr seid das grösste Geschenk!

Dieses Jahr hat viele Geschichten geschrieben. Schöne, spannende, schwierige, traurige, lustige, ganz grosse und kleine feine. Ich durfte so viel erleben, so viel lernen, bin so gewachsen. Auch wenn nicht immer alles nur rund gelaufen ist und ich vor Herausforderungen gestellt wurde, die mich viel Kraft gekostet haben. Einiges hat sich gewandelt, manches zum Guten, manches nicht. Einiges ist geblieben, wie es war, anderes hat sich für immer verändert. Ich blicke mit viel Dankbarkeit und friedlich auf dieses Jahr zurück – und voller freudiger Erwartung auf die Geschichten, die das nächste für mich bereithalten wird.

Antwort

  1. Avatar von colorful98b0b3da25

    Wunderbar!!!!!!

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