«Im Herbst erscheint mein erstes Buch!» Wenn ich ganz ehrlich bin, versetzt allein schon das Schreiben und Aussprechen dieser Tatsache mein Herz immer noch in ein übermütiges Hüpfen und ein Dauergrinsen erscheint auf meinem Gesicht. Manchmal muss ich mir dann in einem stillen Moment selbst versichern: «Es ist wirklich wahr, dein Lebenstraum geht in Erfüllung!»
All diejenigen Menschen, die mich schon lange kennen, wissen, dass ich schon sehr früh davon geträumt habe, Schriftstellerin zu werden. Ich kann mich zwar nicht mehr erinnern, wann ich das so konkret zum ersten Mal formuliert habe. Aber geschrieben habe ich immer schon viel und gerne. In einem Ordner, der beschriftet ist mit dem Titel Alles, was ich je schrieb, finden sich etliche (auch viele handgeschriebene!) Geschichten, Gedichte, Prosatexte… so auch ein Text mit der Überschrift «Der Ruf des Meeres» aus dem Jahr 2006. Wenn ich in diesen Seiten stöbere, ist es, als würde mein vergangenes Ich aus den Zeilen treten und zu mir sprechen. Ich weiss noch genau, wie ich mich damals gefühlt habe. Wie ich mich in meinem Zimmer verschanzt habe, an meinem Schreibtisch sass und mich zu der immer gleichen Musik aus meinem alten CD-Player regelrecht in einen Rausch geschrieben habe. Auf einigen Seiten fallen mir die etwas verwischten Stellen auf: Nicht selten habe ich mich so sehr in diese Geschichten und Welten hineinversetzt und mit meinen Figuren mitgefühlt und gelebt, dass beim Schreiben Tränen aufs Papier getropft sind. Schreiben mag von aussen betrachtet eine sehr einsame Tätigkeit sein. Aber ich kann für mich sagen, dass ich mich dabei noch nie alleine gefühlt habe.
Und nun, so viele Jahre später, bin ich also tatsächlich eine Autorin, deren Buch bald erscheinen wird. «Alles, was das Leben ist» ist eine Geschichte, die mir sehr viel bedeutet. Jetzt, wo ich auf verschiedenen Kanälen verkündet habe, dass das Buch erscheinen wird, werde ich immer wieder gefragt, wie lange ich denn gebraucht habe, um es zu schreiben. Nun, die Antwort würde wohl eigentlich jeden zukunftsorientierten Verleger in die Flucht schlagen:
Zehn Jahre!
Kaum zu glauben, aber es stimmt: Für die etwas mehr als 160 Seiten habe ich zehn Jahre gebraucht. Allerdings muss ich dazu sagen, dass ich die Entwürfe manchmal monatelang nicht angerührt habe. Einige Dialoge habe ich im Alter von gerade mal zwanzig Jahren geschrieben. Andere kurz vor meinem dreissigsten Geburtstag. Man kann sich vorstellen, dass dazwischen viel passiert ist. Ja; dass dazwischen nicht nur Jahre liegen, sondern auch meine ganz persönliche Entwicklung, in gewisser Hinsicht mein Erwachsenwerden. Dass die Laura, die mit knapp zwanzig ohne jegliche Ambitionen aus einer spontanen Idee heraus das erste Gespräch zwischen Noah und Edward in ihr schwarzes Moleskine-Notizbuch gekritzelt hat, irgendwann zwischen den vielen Zeilen zu der Laura geworden ist, die vor einigen Monaten schliesslich all ihren Mut zusammengenommen hat und das fertige Manuskript bei verschiedenen Verlagen eingereicht hat. Zwischen diesen beiden Punkten in meinem Leben bin ich von zuhause ausgezogen, habe mein Studium abgeschlossen, bin ins Berufsleben als Lehrerin eingestiegen. In dieser Zeit habe ich neue Freundschaften geknüpft und andere verloren, mich verliebt, von Herzen geliebt und wieder getrennt. Ich habe viel gelacht und noch mehr geweint, getanzt, mich gesucht und tatsächlich ein bisschen gefunden, gelernt und einfach gelebt. Ich musste Abschied nehmen von langjährigen Weggefährten, scheinbar unerschütterliche Pfeiler meines Lebens sind eingestürzt und neue haben sich aus den Trümmern gebildet. Am konstantesten in dieser Dekade war definitiv die Veränderung.
Ich möchte nicht sagen, dass diese zehn Jahre eine Achterbahnfahrt waren. Ich mag Achterbahnen nicht wirklich. Aber es war – eben alles, was das Leben ist und sein kann.
Die Geschichte von Noah und Edward ist also keine Story, die von Anfang bis zum Ende chronologisch mit einem Plan geschrieben wurde. Vielmehr ist sie ein grosses Puzzle, das aus vielen einzelnen Teilen zusammengesetzt wurde. Ein Puzzle aus Gedanken, Gefühlen, Fragen und Antworten meines Lebens der letzten zehn Jahre. Spannenderweise hatte ich sehr lange Mühe damit, einen guten Anfang zu finden, während das Ende für mich schon sehr früh klar war. Und wenn man weiss, wie dieses Buch entstanden ist, ist auch klar, dass es eigentlich gar nie fertig ist. Ich hätte wahrscheinlich noch weitere zehn Jahre daran schreiben können. Vielleicht hat es auch deshalb so Überwindung gekostet, diese Reise abzuschliessen? Wenn ich ehrlich bin, lag es vor allem auch an meinem fehlenden Mut und meinen Zweifeln, dass es so lange gedauert hat, diesen Schritt zu wagen.
Ist das, was ich da schreibe, überhaupt gut? Will das irgendjemand lesen? Gibt es nicht hunderte, ja tausende andere, die besser sind als ich? Die bessere Geschichten erfinden, bessere Sprachkünstler sind, bessere Handlungsbögen schaffen? Wie im Vorwort des Buches zu lesen sein wird, hat es mich sehr viel mehr Mut gekostet, mich diesen Fragen zu stellen, als ich je gedacht hätte. Ich bin aber sehr froh und dankbar, habe ich diesen Mut gefunden. Erst durch einen Schicksalsschlag, der mir schmerzlich vor Augen geführt hat, dass das Leben von heute auf morgen vorbei sein kann, habe ich mir schliesslich ein Herz gefasst und meine Worte zugänglich gemacht.
«So ist das mit den Worten. Manchmal geht es gar nicht so sehr darum, dass sie gelesen werden. Sondern darum, dass sie geschrieben werden.»
Diesen Satz habe ich vor einigen Jahren in mein bereits erwähntes Notizbuch geschrieben. Und sie stimmen für mich nach wie vor, denn für eine sehr lange Zeit habe ich tatsächlich nur für mich geschrieben. Aber jetzt freue ich mich doch sehr darauf, all diese Zeilen den Menschen da draussen mitzugeben und hoffentlich den einen oder die andere damit zu berühren.
Letzten Herbst habe ich schliesslich einen Vertrag beim Neptun Verlag in Bern unterschreiben dürfen. Was seither alles passiert ist, erzähle ich euch dann gerne im nächsten Beitrag.


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