Und was jetzt?
Gott bewahre, da schreibe ich doch tatsächlich wieder einmal einen Blogbeitrag. Ich hatte fast ein bisschen vergessen, dass ich das ja eigentlich könnte. Oder habe ich vergessen, dass ich es möchte?
Wie dem auch sei: Hier ist er, der erste Blogbeitrag dieses Jahres vom 17. Mai. Draussen pfeifen die Vögel, aber es ist kalt. Die Eisheiligen dürften sich jetzt dann bald einmal verziehen, ich bin mehr als bereit für den Sommer. Die freien Tage über Auffahrt waren wunderbar erholsam und ich kann mich gerade noch nicht mit dem Gedanken anfreunden, dass morgen wieder eine normale Arbeitswoche beginnt. Aber Pfingsten kommt ja schon bald um die Ecke und wärmer wird es dem Wetterbericht nach auch. Soweit also alles so gut. Ja, wenn ich so darüber nachdenke, dann geht es mir sehr gut. Es stehen viele Veränderungen an in meinem Leben, aber ich blicke ihnen zuversichtlich und guten Mutes entgegen. Ein schönes Gefühl.
Mein zweites Manuskript ist fertig und wandert nun in meinem Umfeld von den einen lieben Händen in die nächsten. Ich bin zufrieden mit der Geschichte und, noch wichtiger; ich mag sie. Trotzdem ist da immer dieses Gefühl, dass ich es vielleicht doch noch besser hinbekommen würde. Das hört wohl nie auf… jedenfalls ist da jetzt dieser zweite Text, dieses potenzielle zweite Buch, das bereitliegt – aber bin ich es auch? Bin ich bereit?
Es ist offensichtlich. Ich zweifle.
An mir. Meinem Schreiben. Meinem Auftritt. Meinem Weg als Autorin, meinen Entscheidungen. Da gibt es nichts zu beschönigen und den Zweifel gilt es, auszuhalten. Rilke schrieb in seinen «Briefen an einen jungen Dichter»: Man muss Geduld haben mit dem Ungelösten im Herzen, und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben, wie verschlossene Stuben, und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind. Es handelt sich darum, alles zu leben. Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich, ohne es zu merken, eines fremden Tages in die Antworten hinein.
Es fühlt sich fast so an, als wäre sein Brief direkt an mich adressiert. Im Augenblick vertraue ich darauf, dass sich die Antworten offenbaren werden, und halte das Ungelöste aus. Manchmal gelingt mir das ganz gut, manchmal ist es ziemlich frustrierend. Und dann wiederum frage ich mich, woran ich tatsächlich zweifle: An meinem Text, an mir, oder an dem ganzen Zirkus, der darum herum veranstaltet wird. Was die Publikation eines Buches mit sich bringt. Schreiben, das tue ich sowieso, ich tue es, seit ich denken kann, es ist fester Bestandteil meiner Identität, diskussionslos. Aber publizieren? Bewerben, mich als Autorin auf die Bühne stellen? Ich weiss es nicht. Für mich gehören die beiden Aspekte nicht zwingend zusammen.
Ich mühe mich damit ab, auf Social Media irgendetwas Gehaltvolles zu posten und stelle immer wieder und immer mehr fest: Ich will nicht für Publikum schreiben. Gut, natürlich möchte ich, dass meine Texte gelesen werden. Aber ich will mich nicht darstellen, mich präsentieren, ich will keinen Content rund um meine Person kreieren, nur, damit da irgendwas passiert auf meinem Profil und mir die Follower nicht davonrennen. Ich will allem voran keine künstliche Intelligenz, ich will echte Kreativität, die aus mir selbst entspringt. Als ich vor zweieinhalb Jahren für mein Buchcover ein KI-generiertes Bild gestaltete, kam es mir noch so vor, als würde ich etwas Verwerfliches, beinahe Verbotenes tun. Uiuiui. Und jetzt wird mein Feed täglich von solchen Inhalten überschwemmt, sie sind teilweise kaum mehr zu unterscheiden von dem, was wirklich menschgemacht ist und von Herzen kommt. Ich komme damit nur schlecht zurecht und frage mich, wo das hinführt. Ausserdem reicht es heute auch nicht mehr, irgendwelche inspirierenden Posts mit schönen Texten zu machen, nein, man muss interagieren. Kommentieren, liken, erwähnen, reposten, Reels drehen. Wie du mir, so ich dir. Wenn ich sehe, wie andere Autorinnen und Autoren da Gas geben, sich reinknien, und wie ich es gleichzeitig kaum schaffe, innert höflicher Frist auf eine Nachricht zu antworten, frage ich mich schon, ob ich dafür gemacht bin.
Aber ich schweife ab, nicht wahr? Ich will nicht jammern. Vielleicht habe ich das Ganze schlicht und einfach unterschätzt.
Ich habe immer gesagt, mein Lebenstraum sei es, ein Buch zu schreiben. Das habe ich getan. Ich habe es geschrieben. Ich durfte es sogar veröffentlichen, ich durfte es vorstellen und präsentieren, daraus vorlesen, damit Herzen berühren. Ich habe mir diesen Traum erfüllt und ihn gelebt und es war wunderbar. Ich habe damit etwas geschafft, das vielen anderen mit demselben Traum verwehrt bleibt. Bin ich also undankbar, wenn ich mich jetzt frage, ob ich das alles wirklich nochmal will? Müsste ich nicht im Brustton der Überzeugung lauthals «Ja natürlich» rufen und mich sofort an die Arbeit machen?
We will see. Ich werde in die Antwort hineinleben! Das Schöne an Texten ist ja dies: Sie laufen einem nicht davon. Das Manuskript ist geschrieben, es ist bereit und es wartet so lange, bis ich es auch bin, und dann wird es auch seinen Platz finden. Davon bin ich überzeugt.


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